Libens Blog...Meine Erkenntnisse über Gott und die Welt.

02.05.2019

Psychose und Religion

Johan Cullberg schreibt in seinem Buch Therapie der Psychosen. Ein interdisziplinärer Ansatz. 1.Aufl., Bonn, 2008, S.21: "Phänomene wie die Erfahrung konkreter spiritueller Kräfte, das Hören der Stimme Gottes, der Glaube an den wunderbarerweise von den Toten auferstandenen Christus würden im nichtreligiösen Kontext als Hinweise auf eine Psychose betrachtet: Eine medizinische Behandlung wäre angezeigt."

Da ich selbst seit ca. 1989 die Diagnose Psychose hatte, und seit 1995 die Diagnose schizoaffektive Psychose als gesichert gilt, ist es für mich auf jeden Fall wichtig, mich ganz klar in meiner Beschäftigung mit der Bibel und der Religion von jeglichem Verdacht abzugrenzen, dass mein Denken oder mein Verhalten irgendwie psychotisch sei. Darauf achte ich auch sehr genau, wenn ich die Bibel lese, und ich bin deshalb beim Lesen und Interpretieren des Gelesenen besonders kritisch. Einem religiösen Menschen mag meine Argumentation vielleicht gerade deshalb zu profan erscheinen. Kann sein. Aber das muss ich hinnehmen, einfach aus Rücksicht auf meine Grunderkrankung. Das hat aber auch einen wichtigen Vorteil: Ich bin darauf angewiesen, eben ein "gesundes" Verständnis dessen zu entwickeln, was ich in der Bibel lese. Ich finde, dass das ein wichtiger Vorteil ist. Ich muss alles herunterbrechen bis auf einen sicheren Grund. Sonst kann ich mich nicht darauf verlassen. Vor allem muss ich meine Denkweise auch begründen. Ich kann nicht davon ausgehen, dass meinem "Denken" oder "Gefühl" irgendjemand Glauben schenkt und das gar ernst nimmt. Alles wird immer nur unter dem Aspekt meiner Erkrankung gesehen. Deshalb bin ich, auch für mich selbst, darauf angewiesen, dass jeder Gedanke belegt und / oder nachvollziehbar ist, auch wenn vielleicht meine Intuition der erste Ansatz zu diesem Gedanken war. Deshalb wirkt mein Ausdruck auch manchmal "hölzern".

Johan Cullberg schreibt in dem oben genannten Buch weiter zum Thema "Schizophrene Wahnvorstellungen" auf Seite 43: "Das Bedürfnis, eine gewisse Kohärenz herzustellen, das heißt eine sinnvolle Erklärung für die seltsame Veränderung zu finden, die innerlich erfahren wird, hat mehr Gewicht als die normalen Gesetze von Logik und Rationalität. In der Psychose hat das Bedürfnis nach Kohärenz triumphiert und eine innere Kontinuität wird wiederhergestellt. Der Preis für diese Kohärenz ist der mit den anderen Menschen geteilten realistischen Weltsicht. Das bedeutet keineswegs, dass das Vermögen, logisch-rational zu denken, auch in anderen Lebensbereichen, die nicht direkt mit der Psychose zusammenhängen, verloren gegangen ist." Die Kohärenz des Denkens ist eine sehr wichtige Sache, denn nicht-kohärentes Denken wird medizinisch als eine Denkstörung aufgefasst. Zur Kohärenz siehe auch Wikipedia: Kohärenz (Psychologie).

Kohärenz hat drei Aspekte:

Ein gesunder Mensch denkt kohärent. Das heißt, unser Verstand arbeitet so, dass wir unsere Welt verstehen wollen und sie sowohl handhabbar sein soll als auch sinnvoll. Nur dann können wir psychisch gesund bleiben, wenn wir unsere Welt entsprechend als kohärent begreifen. Ist unser Denken nicht kohärent, dann sind wir verwirrt. Unser Gehirn versucht ständig, einen kohärenten Zustand herzustellen.

Aus Wikipedia habe ich auch das Folgende: "Als zentrale Kohärenz versteht die moderne Psychologie die Fähigkeit, einzelne Wahrnehmungselemente in einen Gesamtzusammenhang einzubeziehen und als ein realitätsgetreues Einheitsbild zusammenzufassen. Reize und Informationen werden korrekt miteinander in Zusammenhang gebracht und als Gesamtbild erfasst und gespeichert. Neurotypische Menschen sind in der Lage, darauf entsprechend logisch und konsequent zu reagieren.[1][2] Diese geistige Fähigkeit ist bei Schizophrenen und Asperger-Patienten, wie auch bei anderen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen mäßig bis stark beeinträchtigt und daher nur schwach ausgeprägt. So würde ein Autist oder Asperger-Patient sagen, dass er zwar hunderte von einzelnen Bäumen sehe, aber einen Wald nicht erkenne. Ein neurotypischer Mensch hingegen fasst bereits in seinen Geist die einzelnen Bäume als Wald zusammen, kann aber jederzeit genauso einzelne Bäume identifizieren. Diese umgebungsbezogene Wahrnehmungsfähigkeit ist bei Autisten und Schizophrenen wiederum offenbar extrem detailorientiert und übermäßig selektiv. Den Gesamtzusammenhang zu erfassen, fällt ihnen schwer. Welche Funktionsbereiche des Gehirns für dieses Problem verantwortlich sind, ist noch nicht bekannt." Quelle: Wikipedia: Zentrale Kohärenz".

Das stimmt auch aus meiner Wahrnehmung so. Mein ganzes Leben schon arbeite ich gerne an den Details, auch im beruflichen Umfeld als Programmierer. Allerdings habe ich auch die Fähigkeit, die Details dann, wenn sie gebraucht werden, zielsicher aufzurufen. Der Gesamtzusammenhang oder "strategisches" Denken liegt mir nicht. Themen erarbeite ich mir lieber bottom-up, von den Details zum großen Ganzen hin arbeitend, als top-down, von einem Plan schrittweise verfeinernd, aus. Insofern bin ich in meinem Vorgehen ein wenig chaotisch, was bei größeren Projekten dann dazu führt, dass ich selbst oder andere ungeduldig werden, oder dass ich am Ende wieder alles umwerfen muss. Das ist aber mein Vorgehen, ich bin ein ganz schlechter Manager.

Da jetzt jedoch Wahnvorstellungen genau deshalb auftreten, weil die Kohärenz des Erlebten mit dem sonstigen Denken und Fühlen gestört ist, bedeutet das, dass der kranke Mensch deshalb krank ist, weil er seine Gefühle und sein Denken nicht mehr mit seinem Erleben in Kohärenz bringen kann. Es kann aber auch sein, dass Denken und Fühlen nicht miteinander übereinstimmt und kein Weg gefunden wird, dies in Übereinstimmung zu bringen.

Das heißt, wenn man sich mit Religion beschäftigt, so macht das nur Sinn, wenn man eine Kohärenz mit dem eigenen Fühlen und Denken herstellen kann, und auch eine mit den anderen Menschen geteilte realistische Weltsicht aufrecht erhalten werden kann. (Die Frage ist dann noch, was "realistisch" eigentlich bedeutet.) Sonst wäre es geradezu schädlich. Das macht jedoch nur Sinn, wenn das Denken und Fühlen der anderen Menschen hinreichend kohärent ist. Es ist erstaunlich, dass das bei vielen Menschen, die sich für gesund halten, nicht der Fall ist.

Johan Cullberg schreibt auf Seite 44: "Viele Patienten, vor allem jene mit guten intellektuellen Fähigkeiten, kann der Hinweis, ihre Welt sei wie ein Albtraum [original ist es 'Alptraum' geschrieben, aber das bring ich einfach nicht über's Herz] im Wachzustand, das Gefühl geben, verstanden zu werden. So wie der Inhalt eines Albtraums nie bedeutungslos sein kann, so steht die akute Psychose mit Wahnvorstellungen für eine tatsächliche innere Situation. Der Mensch mit der akuten Psychose ist, wie der Träumer, sein eigener Dramaturg, der die inneren Nöte mithilfe aller ihm verfügbaren Requisiten beschreibt. Alle Mitspieler der Psychose stehen für verschiedene Aspekte der repräsentativen Welt und der persönlichen Geschichte des 'träumenden' Subjekts."

Zum Thema Halluzinationen (bei Gesunden) schreibt er auf Seite 46: "Auch religiöse Mystiker und Menschen mit 'prophetischer Gabe' können in einer Lebensphase der Suche, wenn eine starke innere Anspannung hinzukommt, eine gottähnliche, jedoch sehr konkrete Stimme hören. Dies geschieht gewöhnlich nach einer längeren Phase des sozialen Rückzugs und entlädt sich in intensiver, nach außen gerichteter Aktivität." Ansonsten, bei Kranken, gilt die Faustregel, dass akustische Halluzinationen bei Psychosen, denen keine organische Ursache zugrunde liegt, bei weitem am häufigsten auftreten. "Optische Halluzinationen sind häufig ein Hinweis auf eine organische Hirnschädigung oder auf den Einfluss von Drogen." (Seite 45).

Eines sollte aus dem Geschriebenen klar sein: Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen religiösem und spirituellem Denken und psychotischen Ideen. Es ist auch ein schmaler Grat, wenn man die Bibel liest und versucht, zu verstehen, worum es sich im Einzelnen handelt, was da geschrieben ist, was also damit gemeint ist, und psychotischen Ideen. Deshalb muss gerade ich als jemand, der in dieser Hinsicht vorbelastet ist, besonders vorsichtig sein. Andererseits gibt mir aber auch meine eigene Lebensgeschichte genügend Hinweise darauf, was Denkstörungen und psychotische Ideen sind. Meine Absicht ist es also durch meine Beschäftigung mit der Bibel nicht, einen psychotischen Schub entweder bei mir oder jemand anderem zu provozieren, sondern einfach den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich bin sicher, dass ich in der Bibel viele Antworten finde, und das insbesondere ganz ohne psychotische Ideen. Diese Chance will ich der Bibel als evangelischer Christ auf jeden Fall noch einmal geben. Einfach zu sagen, dass das ja alles tausende Jahre alter Quatsch sei, der erfunden wurde, um Menschen zu beherrschen, das ist mir zu billig. Ebenso ist es mir zu billig, das, was in der Bibel steht, als Opium für das Volk zu betrachten. Andererseits denke ich aber auch, dass in den alten Bildern auch viel magisches Denken ist und Denken, bei dem man aus heutiger Sicht ganz genau den Hintergrund kennt. So ist beispielsweise der Regenbogen nicht in den Wolken, weil Gott ihn da nach der Sintflut hineingesetzt hat, sondern er ist da aufgrund der Brechung des Lichtes an den Wassertröpfchen. Oder aber bin ich auch aufgeklärt genug, um die Beweise für eine Evolution des Menschen anzuerkennen. Solche Fragen stelle ich mir nicht. Aber die Frage beschäftigt mich, was die Menschen damals mit der Schöpfungsgeschichte mitteilen wollten, die keinesfalls als eine naturwissenschaftliche Abhandlung sondern als ein uralter Mythos daherkommt. Mir geht es also immer wieder um den Sinn dessen, was ich verstehe, und diesen Sinn eben sinnvoll in mein Leben einzubauen. Dann kann die Bibel mir eine echte Hilfe sein. Dabei möchte ich nicht etwas in die Bibeltexte hineininterpretieren, was da nicht steht, andererseits möchte ich die Bibeltexte aber dann, wenn klar wird, dass es sich höchstens um eine Metapher oder ein Gleichnis handelt, als Bild und im historischen Kontext verstehen. Denn auch wenn die Bibel das Wort Gottes ist, so ist dies im entsprechenden Kontext zu lesen. Es kann also nicht alles Wort für Wort heute, nachdem sich die Menschheit in vielerlei Dingen um 2000 Jahre weiterentwickelt hat, genau so wie vor 2000 Jahren bzw. 3000 oder 4000 Jahren, was das Alte Testament angeht, verstanden werden. Damals wurden die Menschen gerade seßhaft und wir befanden uns im Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit. Das ist also echt alte Geschichte. Also, immer schön mit den Füßen auf dem Boden bleiben beim Bibellesen, und den Kontakt zum Boden halten. Dabei muss man natürlich auch viele kindliche Vorstellungen von "Gott" über Bord werfen. Wenn ich beispielsweise denke, dass Gott im Himmel sei, dann frage ich mich tatsächlich, ob das der Himmel ist, den die Naturwissenschaftler heute meinen. Der kann es nämlich wirklich nicht sein. Also, solche Vorstellungen kann ich nicht bedienen und das will ich auch nicht. Das bedeutet aber nicht, dass ich bei der Suche aufgeben muss. Nur gestaltet sie sich ein wenig schwieriger, würde ich meinen. Trotzdem gilt natürlich das evangelische Motto: Sola scriptura.

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Primärvorgang und Sekundärvorgang

In der Psychoanalyse wird beim Denken zwischen dem Primärvorgang bzw. Primärprozess und dem Sekundärvorgang bzw. Sekundärprozess unterschieden.

Dabei ist das Primärprozess-Denken das Denken in Träumen, Tagträumen und Phantasievorstellungen. Das Sekundärprozess-Denken ist dagegen das erlernte rationale, logische Denken, das wir benötigen, um als biologische und soziale Wesen überleben zu können.

Das Primärprozess-Denken wird vom Lustprinzip dominiert und ist unbeeinflusst von Raum, Zeit und anderen Menschen. Moral und Ethik spielen hier kaum eine Rolle. "Die Möglichkeit, eine Zeit lang den strengen Kategorien rationalen Denkens zu entgehen und uns stattdessen an seinem dialektischen Gegenstück zu orientieren, bedeutet viel für unsere psychische Gesundheit." (Johan Cullberg: Therapie der Psychosen. Ein interdisziplinärer Ansatz. 1.Aufl., Bonn 2008. Seite 19)

Über das Thema Primärprozess und Sekundärprozess kann man hier in der Wikipedia nachlesen: Wikipedia: Primärprozess.

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